Den folgenden politischen Witz habe ich in der Öffentlichkeit noch nicht gehört:
Was ist der Unterschied zwischen Poo-Bär und Pinocchio?
Wer in der Volksrepublik China den dortigen Staats- und Parteichef mit Poo-Bär vergleicht, wird im dortigen Internet zensiert.
Wer in der Bundesrepublik Deutschland den dortigen Regierungschef und Vorsitzenden der Regierungspartei mit Pinocchio vergleicht, wird von der Staatsanwaltschaft nicht angeklagt, nach einem rechtsstaatlichen Untersuchungsverfahren samt Hausdurchsuchung.
Nicht witzig? Nein, das finde ich auch nicht.
Das Wesen des politischen Witzes besteht darin, dass er nicht zum Lachen anregen oder unterhalten will. Das Lachen, welches der politische Witz hervorruft, soll im Halse stecken bleiben. In der eigentlichen Heimat des politischen Witzes, der Autokratie, werden politische Witze nicht im Internet veröffentlicht, sondern in kleiner, vertrauter Runde leise und vorsichtig erzählt. Man schaut sich unauffällig um, ob nicht am Nebentisch jemand lauscht.
Der politische Witz ist das Ausdrucksmittel, mit dem Menschen Kritik an den herrschenden Verhältnissen (und an den Herrschenden) ausdrücken können, wenn ihre Freiheit zur unzensierten Meinungsäußerung durch solche herrschenden Verhältnisse beschränkt wird.
Der obige Text beansprucht, politischer Witz zu sein, indem er über die unverfänglichen Kinderfiguren Poo-Bär und Pinocchio eine Parallele zwischen der tatsächlichen Zensur in der Volksrepublik China und einer vermeintlichen Unterdrückung der Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland behauptet.
Wäre der obige Text ein politischer Witz, so würde er den Umstand kritisieren, dass in der Bundesrepublik Deutschland zwar verfassungsmäßig Meinungsfreiheit besteht und Zensur nicht stattfindet, dass aber im gleichen Rechtssystem Menschen empfindlichen Maßnahmen (Hausdurchsuchung) unterworfen werden können, was einer Sanktionierung der Äußerung unerwünschter Meinungen gleichkommt.
Der Urheber des obigen Textes hat aber keine Kenntnis von häufigen, regelmäßigen, willkürlichen polizeilichen Maßnahmen aufgrund von polemischen Meinungsäußerungen. Er betont daher die Nicht-Anklage und die Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens. Ich glaube nicht an eine ernsthafte Unterdrückung der Meinungsfreiheit im Internet durch staatliche Institutionen in Deutschland!
Der Verfasser wählt aber das Stilmittel des politischen Witzes, um darauf hinzuweisen:
- dass unerwünschte Meinungen mindestens in Einzelfällen sanktioniert werden, und zwar nicht nur gesellschaftlich, sondern auch durch staatliche Maßnahmen,
- dass diese Einzelfälle in verallgemeinender Weise wahrgenommen werden,
- was die Haltung fördert: „Man muss aufpassen, was man sagt!“
Diese Haltung ist, Umfragen zufolge, in Deutschland leider sehr verbreitet. Dabei gehört eine solche Haltung in Wahrheit nur in die eigentliche Heimat des politischen Witzes, die Autokratie! Ist es nicht schmerzhaft, in diesem Text auf eine solche Parallele zur stabilen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland hingewiesen zu werden?
Ich jedenfalls würde mir für die Menschen in Deutschland einen Raum wünschen, wo sie in überschaubaren Runden (aber auch jenseits der regionalen Blase und der eigenen Schicht) offen und frei miteinander diskutieren können. Auf Augenhöhe. Respektvoll und überlegt. Zugleich auch mal spontan und polarisierend. Mit der Option, sich korrigieren zu können. Ohne Angst — weder vor staatlicher Sanktionierung, noch vor gesellschaftlicher Ausgrenzung!
Deswegen erzähle ich keine politischen Witze, sondern mache Werbung für den Diskursverein!